Das ganze Leben auf einem kleinen Platz
Der Literaturkurs des ASG holt das Venedig des 18. Jahrhunderts ins Leonberg der Gegenwart.
Artikel aus der Leonberger Kreiszeitung vom 16.10.2009
Von Sybille Schurr
Liebe und Leidenschaft, Klatsch und Tratsch, Streit und Versöhnung: Nichts Geringeres als die große Welt der Gefühle auf einem kleinen Platz hat sich der Literaturkurs des Albert-Schweitzer-Gymnasiums mit seiner Inszenierung der Komödie "Campiello" von Carlo Goldoni vorgenommen. Eine "sehr freie" Überarbeitung wurde dem Publikum angekündigt. Und in der Tat: Kein italienischer Adliger wird Mittelpunkt von Intrigen und Sehnsüchten; der Cavaliere (Finn Schneck) mutiert in der originellen Adaption des Literaturkurses zu einem sonnenbebrillten Rockstar. Überhaupt sind in dieser kleinen Welt auf dem Campiello, also dem kleinen Platz, die Träume so regenbogenbunt wie heutzutage die Klatschpresse, die etwas vom Glanz der Reichen und Schönen auf den grauen Alltag fallen lassen.
Kein Wunder, dass die venezianische Vorlage aus dem 18. Jahrhundert ein neues Make-up im Revue-Look erhalten hat. Die Polizisten (Sebastian Vögele, Ruwen Synovzik und Florian Schlör) wirbeln wie eine kräftige Brise über die Bühne, Blaulichter auf ihren kleinen Helmen, bereit zum lasziven Männerstrip. Das Schüler-Publikum jubelt und fällt vor Lachen fast von den Stühlen, ebenso bei der Breakdance-Einlage von Hani Al-Kutbi und Finn Schneck und beim Tupperware-Tanz der Hausfrauen.
Regisseurin Melanie Elhardt hat gemeinsam mit dem Literaturkurs eine auf die Schüler zugeschneiderte Inszenierung auf die Bühne gebracht. Hannah (Ira Dürr) und Elena (Melisa Muric), die beiden an einer Bushaltestelle Gestrandeten unglücklichen Mädchen, erzählen sich die phantastischen Geschichten, die sich auf dem Campiello abspielen. Für das richtige Flair sorgt das Bühnenbild - Wäsche in luftiger Höhe, der offene Rundgang über der Aula wird zu Balkonen für viele, viele Fensterszenen. Nadine Kalwig, Larissa Pfitzenmaier und Melanie Kühnle haben die gegebenen Voraussetzungen geschickt genutzt.
Nicht leicht haben es die Darstellerinnen: Von ihnen wird italienisches Temperament verlangt, Wutausbrüche und große Gesten der Versöhnung eingeschlossen. So manches Mal geht dahinter der Text fast verloren, aber die Gestik spricht für sich. Nicht leicht haben es auch die drei Witwen Catte (Anna Weimer), Orsola (Lisa Tadele) und Pasqua (Nadine Kalwig), die selbst noch gerne "auf den Heiratsmarkt" wollen, aber zuerst ihre halb erwachsenen Töchter (Larissa Pfitzenmaier, Melanie Kühnle und Kristin Grubic) im Hafen der Ehe unterbringen wollen. Als Konkurrentin auf dem Heiratsmarkt tritt auch noch die vornehme Außenseiterin Gasparina (Sophie Kunz) auf. Dieses Figurentableau schart sich für einen kurzen Moment um den undurchsichtig Fremden, den Rockstar.
Das Personal auf der Bühne ist bunt: lebendig, mannstoll, klatschsüchtig, schnell zerstritten und genauso rasch wieder versöhnt. Ein paar Quadratmeter prallen Lebens, doch die Frage, wer wen am Ende bekommen wird, löst sich zwar zu aller Zufriedenheit, aber dennoch überraschend.
Die Bilder – von Herrn Nowotzin aufgenommen – entstanden während der Proben.
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